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Beratung am Punkt: Krise Corona – Corona als Chance?

Martin Mikro - Quer

Beratung am Punkt – Unsere BeraterInnen im Interview
Martin Weber beantwortet die Fragen von Yasmin Moyses

Ich bin  schon gespannt was diese Premiere bringen wird und bin froh, dass du dich als Erster dieser Herausforderung stellst. Lass mich gleich mit der Frage beginnen, ob es nicht etwas zynisch ist, Krisen – wie jene, die dieses Virus gebracht hat – gerne im selben Atemzug auch mit Chancen in Verbindung zu bringen?

Du hast recht, man sollte da schon ein wenig behutsamer mit der Aussage umgehen, dass jede Krise eine Chance ist. Das kann, aus einem unerstützenden Zusammanhang gerissen, für Betroffene auch wie eine Verhöhnung klingen. Trotzdem steckt natürlich ein wahrer Kern darin.

Kannst du das ein wenig ausführen?

Gerne. Krisen fordern immer unsere Anpassungsfähigkeit heraus und bringen in der Regel die Notwendigkeit zur Veränderung mit sich. Das bedeutet häufig, dass subjektive Sicherheiten wegfallen und Neues angepackt werden muss. Das geht oft mit Ängsten einher: Schaffe ich das? Was, wenn es schief geht?

Was kommt dann konkret in deiner Arbeit als Bildungs- und Berufsberater an?

Wir sehen und hören es ja täglich in den Medien: Kurzarbeit, Kündigungen, Wirtschaftskrise. Viele Menschen sind ganz unmittelbar davon betroffen. Wenn sie sich an mich als Berater wenden, lade ich sie zunächst ein, in Ruhe ihre Situation zu beschreiben. Man erkennt dann sehr schnell, dass es nicht DIE Betroffenen der Krise gibt. Die Menschen reagieren in einer großen Bandbreite auf diese Situation.

Da gibt es jene, die noch ein wenig unter Schock stehen. Von den Entwicklungen überrumpelt, fühlen sie sich nicht in der Lage gute Antworten zu finden und zielführende Schritte zu unternehmen, um ihre Zukunftsperspektiven wieder finden zu können. Es gibt aber auch jene (und für die trifft der Satz „Krise als Chance“ sicher zu), die sich schon davor in ihrem beruflichen Umfeld nicht mehr wohl gefühlt haben. Sei es, dass das Arbeitsklima nicht mehr gepasst hat, die Arbeit gesundheitlich nicht mehr verträglich war, dass die ständige Überforderung schon lange grenzwertig war oder dass man sich beruflich ohnehin am falschen Platz gefühlt hat und gerne ganz neue berufliche Wege einschlagen wollte. Für diese BeratungskundInnen bedeutet die Krise dann oft „Wann, wenn nicht jetzt?“.

Das sind die beiden Reaktionsformen, die dir in der Arbeit begegnen?

Ja und nein. – Beides kommt vor. Es kommen aber auch alle anderen Varianten dazwischen vor.

Ist es da nicht schwierig herauszufinden, was es dann im individuellen Fall braucht?

Ich empfinde gerade das als die schönste Herausforderung in meiner Arbeit. Aber ich möchte deine Frage mit einem Nein beantworten. Es ist nicht so schwierig, wenn man mit der entsprechenden Haltung daran geht.

Was verstehst du unter Haltung?

Ich meine damit, wie ich als Person auf die Menschen in der Beratung zugehe. Meine Haltung ist davon geprägt, nicht davon auszugehen, dass ich ein Experte bin, der für die Probleme A, B und C die jeweils richtigen Lösungen auf dem Computer gespeichert hat und nur die jeweils passenden Dateien ausdrucken und mitgeben muss. So funktioniert Beratung nicht.

Sondern …

Ich muss mein Gegenüber annehmen. – Ich muss zuhören, Zeit geben und echtes Interesse zeigen, um wirklich zu verstehen, was gebraucht wird und welche Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Erst wenn ich verstanden habe, wobei Unterstützung gesucht wird, habe ich eine gute Grundlage dafür, wie diese Unterstützung aussehen kann.

Das klingt sehr individuell.

Ja, das ist es und so muss es auch sein. Anders kann gute Beratung nicht funktionieren. Beratung ist viel mehr als Informationen weiterzugeben.

Ist Corona als Krise nun eine Chance, oder nicht?

Es kommt auf die begleitenden Faktoren an. Überwiegen Ängste, negative Erwartungen und fühlt man sich damit überfordert und alleingelassen, erhöht man auf die Betroffenen nur den Druck, wenn man sie „wohlmeinend“ dazu auffordert, doch auch die Chancen in der Situation zu sehen. Bekommt man dagegen die nötige Zeit, emotionalen Rückhalt und die erforderliche praktische Unterstützung, kann es sehr wohl zu einer großen Chance zur Veränderung werden, die sich ohne Krise vielleicht nicht – oder nicht so rasch – ergeben hätte.

Was kannst du da ganz konkret dazu anbieten?

Das ist jetzt mit Abstand die bisher schwierigste Frage, weil sich das Angebot eben nach den jeweiligen Bedürfnissen, den Anliegen und der Ausgangssitutation richtet. Ich bin aber auf Grund meiner Erfahrungen davon überzeugt, ganz viel anbieten zu können. Ich möchte auf jeden Fall alle, die sich von dem Interview angesprochen fühlen, ganz herzlich dazu einladen, mit uns in Kontakt zu treten und selbst herauszufinden, wie wir helfen können. – Der Satz, den ich am Ende eines Beratunsggesprächs am häufigsten höre ist: „Das hat mir jetzt für’s Erste schon ein gutes Stück weitergeholfen. Danke! Ich wünschte, ich hätte schon früher von diesem Angebot erfahren“.

Vielen Dank, Martin. – Ich denke, das war ein guter Anfang für unsere neue Interviewserie.